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Die GROSSE Langeweile.... gääähn

Ein Satz, der mir wieder und wieder begegnet ist dieser: „Ich glaube, jetzt ist ihr langweilig, sie braucht ein bisschen Action“. Jetzt könnte man natürlich sagen, tja Yvonne nicht so toll, die Pferde langweilen sich bei Deiner Arbeit... Tun sie aber nicht. Ich will Euch erklären wo es den Blickwinkel zu ändern gilt. Die Tellington und auch die Connected Methode sind beides Methoden, die auf der Veränderung von Mustern basieren. Die Pferde werden ermutigt, sich - ihre Haltung, ihr Ver-Halten, ihre Lösungsstrategien - zu überdenken und sich auf andere Art zu erfahren. Wer schon mal Feldankreis, Alexandertechnik oder einen Kurs bei Nadja oder mir gemacht hat, weiss wovon ich rede. Das Ziel ist es, das Repertoire der Reaktionen des Pferdes zu vergrößern, es aus bloßer Reaktivität herauszuholen und die Möglichkeit zu verschiedenen Antworten zu eröffnen. Nur dann ist eine vielfältige, lebendige Entwicklung möglich. Kleiner Exkurs in die Methoden. Wer mehr darüber erfahren möchte, hier findet Ihr Infos auf www.ernst-yvonne.de oder www.zentriert-reiten.de

Wie passt das jetzt zur „Langeweile“?

Was ich oft erlebe ist, dass es für viele Menschen eine große Herausforderung ist, die Pause auszuhalten, die es braucht, damit auf der Ebene des Nervensystems eine Veränderung geschieht. Dabei ist die Pause fast der wichtigste Schritt in dieser Arbeit. Sie ermöglicht Wahrnehmung und Integration, nur so kann sich eine neue Strategie festigen. Da steht man manchmal schon ein paar Minuten und spürt einfach. Das ist zu Anfang ungewohnt und anstrengend, je geübter wir werden, desto weniger möchte man auf diese Momente verzichten, versprochen! :)

Ein anderer wichtiger Punkt, ist natürlich, das Veränderung zunächst zu Verunsicherung führen kann. Bei Pferd und Mensch. Und natürlich gibt es verschiedene Möglichkeiten, mit Verunsicherung umzugehen. Wieder, bei Pferd und Mensch gleichermaßen. Viele Pferde fangen an, erst mal alles anzubieten, was ihren Gewohnheiten entspricht. Sie fragen uns: „Willst Du das? Oder das? Ach so, dann willst Du das? Auch nicht?!? Was denn??“ Andere Pferde verfallen recht schnell in eine „System down-Haltung“ und schalten erst mal ab, bis sich alles wieder in gewohnten Bahnen bewegt :)

Die Pferde sind in einem Lernprozess, der zuerst mal die Bereitschaft hinzuhören braucht. Das fordert vom Menschen zunächst eine klare Idee, wo es hinsoll, die Fähigkeit zu sehen, wo das Pferd Unterstützung braucht und die feine Wahrnehmung, wann der erste Schritt in die richtige Richtung geschieht um genau dann zu bestärken und das Pferd fühlen zu lassen, was jetzt anders war.

Ihr seht also, sehr viele Anforderungen an beide Seiten, diese neuen Lernprozesse. Und jetzt kommt der beste Vermeidungsmechanismus ever, das Totschlagargument quasi, den diejenigen von Euch, die mit Kindern arbeiten bestimmt kennen: Das ist laaaangweilig!. Sehr effektiv, weil es natürlich impliziert, dass man schon alles kann und außerdem die Trainerin ( das Elternteil, die Lehrerin etc) nicht in der Lage ist, eine spannende Situation zu kreieren. Allerdings ist das Gegenteil oft der Fall. In meiner Erfahrung wird Langeweile auf den Tisch gebracht, wenn die Aussage eigentlich wäre „ Ich bin überfordert“ Bestimmt nicht immer, aber doch oft genug.

Ich lade Euch ein, dass Ihr einfach spaßeshalber wenn Ihr das Gefühl habt, die Übung ist für das Pferd langweilig, Euch stattdessen fragt „ Ist es in der Lage, die Übung auszuführen und bin ich in der Lage sie zu unterstützen?“ Ist die Antwort „ Hmm, vielleicht nicht zu 100%“, fragt Euch, was es braucht, damit die Antwort Ja lauten kann.

Das kann sein, eine andere Methode, die Euch mehr entspricht. Wenn Ihr Euch aber in der feinen. leisen und intensiven Arbeit prinzipiell wohlfühlt, dann seid Ihr eingeladen Euch auf Entdeckungsreise in Euch selbst zu begeben und ganz individuell herauszufinden, was es für Euch braucht um auf diese Art zu lernen. Vielleicht ist es mehr theoretischer Hintergrund (fragt die Trainerin :) ), vielleicht mehr Erdung (fragt die Trainerin :) ), vielleicht mehr Demonstrationen ( fragt die...und so weiter)

Worauf ich hinaus will, wir beenden durch Gedankenkonstrukte und Zuschreibung unserer eigenen Befindlichkeit nicht selten einen Entwicklungsprozess schon in den Anfängen und kommen so natürlich nie zu einem befriedigenden oder gar beglückenden Ergebnis. Daher mein Wunsch: Achtet auf Eure Formulierung und spielt mit Alternativen, es können sich ganz neue Welten eröffnen.

Viel Freude, Eure Yvonne

Und nochmal die Höflichkeit...

Ich möchte hier nochmal auf das Thema des letzten Textes eingehen, nämlich die Höflichkeit imUmgang miteinander. Was braucht es denn, um Kommunikation ( und nichts anderes ist auch das Reiten: die Kommunikation zweier Körper) friedlich und höflich zu gestalten? Es braucht vor allem Arbeit an mir selbst. Zack. So einfach. Oder eben gar nicht einfach. Höflichkeit oder Freundlichkeit wird leider noch viel zu oft mit Schwäche gleichgesetzt, die Idee, dass ich Grenzen nur dann setzen kann, wenn ich auch mal auf den Tisch haue, hält sich hartnäckig. Und das ist ja auch verständlich. Wenn ich einmal ein Donnerwetter loslasse, schnappen erst mal alle nach Luft und das unerwünschte Verhalten hört - zumindest kurzfristig - auf. Man könnte also sagen: Prima, manchmal muss man eben laut werden, dann geht das schon. Versuchen wir einen anderen Blickwinkel einzunehmen... Was könnte so eine - völlig verständliche und auch mir nicht unbekannte - Reaktion meinem Gegenüber noch sagen? Sie könnte sagen: Ich bin nicht in der Lage, meine Grenze rechtzeitig zu erkennen, sondern merke erst, dass Du darüber weg gegangen bist, wenn es schon zu spät ist. Ich habe also kein gutes Gefühl für meine Bedürfnisse. Wie soll ich Deine erkennen und ein/e verlässlche/r Partner/in sein? Sie könnte auch sagen: Ich bin nicht geerdet genug, um Dir auf anderer als emotionaler Ebene zu begegnen. Wie soll ich Dir ein/e verlässliche/r Partner/in sein? Oder sie sagt: Ich habe keine Idee, wie ich Dir mein Anliegen verständlich machen soll, also greife ich zu Druck. Wie kann ich ein/e gute/r Lehrer/in Oder: Ich kann Dein Verhalten nicht deuten, mir fehlt die Empathie. Wie kann ich in eine gute Beziehung mit Dir gehen? Oder: Mir sind Deine Bedürfnisse nicht wichtig. Wie sollst Du mir vertrauen? Das sind mögliche Lesarten und vielleicht auch etwas provokative. Es gibt bestimmt noch viele andere. Höflich und freundlich bleiben zu können ist der schwierigere Weg. Er bedeutet, dass wir Klarheit brauchen. Klarheit in der Zielformulierung, Klarheit in der Umsetzung, wir müssen uns über die Schwierigkeit der Anforderung bewusst sein und darüber, ob unsere gemeinsamen Fähigkeiten den Anforderungen entsprechen. Wir brauchen Klarheit über unsere eigenen Bedürfnisse, eine friedliche Distanz zu unseren Emotionen, ein Bewusstsein über unsere eigen Leistungsfähigkeit. Wir müssen uns achtsam in der Beziehung zu verschiedenen Pferden erleben und ehrlich erkennen, wer welche Gefühle in uns triggert. Ich erlebe zum Beispiel immer wieder, dass eins meiner Pferde mich in ca 3 Sekunden kurz vor der Explosion hat. Bei allen anderen ist das nicht so. Mit der Explosion würde unsere Beziehung aber nie über einen gewissen Punkt hinaus kommen. Ich spüre also ganz genau hin, wann ich was wie lange mit ihr machen kann. Sowohl, wie lange sie sich konzentrieren kann (3 Sekunden ;) ) und wie lange ich geduldig sein kann ( manchmal 5..)Wenn uns doch mal der Kragen platzt, ist das nur menschlich, es ist aber ein interessantes Experiment über den Punkt: Das war mal nötig! hinauszugehen. Ersetzt im Nachgang „Manchmal muss ich halt ein Machtwort sprechen“ mal mit „ Im diesem Moment war das die beste Reaktion, die mir möglich war. Ich suche nach einer noch besseren“ Das kann ungeahnte Welten öffnen. Manchmal hilft es übrigens, diese Welten nur mit viel Schokolade zu betreten, denn es ist eine herausfordernde Reise... Wer höflich sein möchte, muss sich erden, sich überprüfen und gegebenenfalls verändern. NICHT zurückstecken. Im Gegenteil, Höflichkeit auf Augenhöhe benötigt ständige achtsame Präsenz, Empathie und Lernwillen. Höflichkeit hat nicht das geringste mit Schwäche zutun. Übrigens auch nicht unbedingt mit demokratischen Strukturen. Sie braucht aber ein klar formuliertes Ziel und auch die Flexibilität, das Ziel oder auch nur den Weg dahin zu verändern. Sie braucht ein klaren „ja“ zu uns und unserem Tun. Sie braucht ein offenes Herz. Sie ist, wie eingangs erwähnt, Arbeit an uns selbst. Das Geschenk, das wir für all dieses Herumgearbeite und Gewachse bekommen, ist eine angstfreie, vertrauensvolle Beziehung auf Augenhöhe in der beide Partner sich zeigen dürfen.

Viel Freude, Eure Yvonne

Keine Angst vor Höflichkeit...

Ihr merkt es schon, im Moment liegt mir am Herzen, ein paar Gedanken zur Pferdewelt aufzudröseln, die nicht direkt etwas mit der körperlichen Ausbildung zu tun haben. Das wird auch wieder kommen, dazu gibt es aber auch schon eine fast unüberschaubare Menge an Artikeln. Durch meine tägliche Arbeit habe ich aber immer mehr das Bedürfnis an der Basis zu basteln und heute geht es mir um den Umgang miteinander. Wer mich kennt weiss, dass mir das Miteinander auf Augenhöhe sehr wichtig ist. Wer mich noch nicht kennt, der weiss es jetzt ;) In der Pferdewelt ist „Respekt“ ein fast schon geflügeltes Wort. Das Pferd möge bitte Respekt haben und sich dergestalt verhalten. Meist wird es daran festgemacht, ob das Pferd Abstand zu uns hält und wie prompt es reagiert. Jetzt gibt es mehrere Möglichkeiten das Wort Respekt einzuordnen. Wir können es eher in die Richtung der Scheu definieren, im Sinne von „Heidenrespekt“ oder Richtung Wertschätzung und Achtung. Ich weiss nicht, wie es Euch geht wenn Ihr diese beiden Definitionen hört. Für mich ist eine eher einseitig, die andere beruht auf Gegenseitigkeit. Ich stelle mal die gewagte These auf, dass die meisten Pferdemenschen sich die Variante gegenseitigen Respekts wünschen, gelebt wird oft eher die einseitige. Wenn ihr jetzt empört seid, einmal Hand aufs Herz nur kurz in folgende Situationen gedacht: Ihr habt das Bedürfnis, Eurem Pferd die Nase zu streicheln, das Pferd aber nicht, es zieht den Kopf weg. Ist das für Euch eine wertfreie Kommunikation „ da mag ich es nicht so“ oder geht Ihr hinterher, haltet vielleicht den Kopf fest und streichelt trotzdem. Oder Ihr erwartet von Eurem Pferd dass es Euren persönlichen Raum akzeptiert, meistens in einer Übungsphase, aber im nächsten Moment steht Ihr selbstganz nah neben ihm, haltet also SEINEN persönlichen Raum nicht. Oder das Pferd mag es nicht, unterm Bauch geputzt zu werden und legt die Ohren an, stampft vielleicht noch mit dem Huf auf. Welche Aussage lest Ihr in dieses Verhalten? Darf es das? Darf es Unbehagen und Missmut äußern und führt das zum Überdenken der Situation oder wird es unterbunden? Das sind nur ein paar Beispiele, die aus meiner Sicht der Beachtung und Reflektion bedürfen. Hier geht es nicht darum den mahnenden Zeigefinger zu heben, sondern den Blickwinkel zu öffnen für die Natur des individuellen Miteinanders. Indem wir Unmutsäußerungen als Ungehorsam oder Frechheiten betrachten nehmen wir der Kommunikation einen großen Teil des Spektrums und unserem Pferd einen großen Teil seiner Ausdrucksmöglichkeit. Unmuist nicht mangelnder Respekt, er ist persönlicher Ausdruck für das Befinden. Was würdet Ihr tun, wenn ein Mensch Euch sagt, was Du tust möchte ich gerade nicht. Wäre das respektlos? Oder würdet Ihr Euer Verhalten anpassen? Das hat nichts mit unterordnen oder Gesichtsverlust zu tun, sondern ist die höfliche Basis des Miteinanders. Wenn wir Respekt als etwas Gegenseitiges betrachten, ermöglicht uns das in unserem Miteinander große Spielräume für Nähe und Höflichkeit. Wir wünschen uns ein höfliches Pferd, aber wie sieht es mit unserer Höflichkeit aus? Wie begrüßen wir unsere Pferd, oder auch ein fremdes? Geben wir ihm Zeit, uns wahrzunehmen und sich auf uns einzustellen? Wie bewusst sind wir uns, dass wir einen anderen Körper striegeln, satteln, führen? Würden wir einen anderen Menschen genauso behandeln? Und wenn nein, warum eigentlich nicht? Ich weiß schon, Pferde sind keine Menschen und Menschen keine Pferde, aber unsere Essenz verdient die gleiche Achtung, Wertschätzung und Höflichkeit. Darum die Überschrift und der Vorschlag: Keine Angst vor Höflichkeit! Sie macht nicht das Pferd zum Alleinherrscher, vielmehr ermöglicht sie eine neue Tiefe in der gegenseitigen Wahrnehmung. Einer der Gründe, warum ich die Tellington Methode so liebe und unterrichte ist genau dieses Thema. Wir begegnen dem Pferd auf Augenhöhe mit Höflichkeit und versuchen, unerwünschtes Verhalten als Hinweis darauf zu verstehen, dass unserem Partner etwas nicht gefällt. Das ermöglicht uns, neue Lösungen zu finden, uns dabei selbst weiter zu entwickeln und die Beziehung zueinander auf lebendige, vertrauensvolle Art zu erfahren.

Also nochmal : Keine Angst vor Höflichkeit ;)!

Viel Freude, Eure Yvonne